| Interview |
30.12.2005, 10:21 |
| „Hochgradige Technologieallergie der Anleger“ -
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Smart Investor im Gespräch mit Fondsmanager Heiko Veit über erfolgreiches Bottom-Fishing im TecDax, die Technologieaktien-Allergie der Deutschen sowie Lehren aus dem Neuern Markt-Desaster
Smart
Investor: Herr
Veit, wie finden Sie attraktive Chancen mit Hilfe des Bottom-up-Ansatzes?
Veit: Hier geht es um die grundsätzliche Fragestellung: Wie wird die
Investmententscheidung hergeleitet? Anders als der Top-down-Ansatz, der
versucht, einzelne interessante Branchen oder Märkte zu identifizieren, gehen
wir den umgekehrten Weg: Wir konzentrieren uns auf die Analyse einzelner
Unternehmen Zu diesem Zweck analysieren und besuchen wir einzelne Unternehmen,
auch mit Hilfe unseres Buy-Side-Analystenteams. Der fundamental-qualitative
Researchansatz steht im Vordergrund. Wir sind darauf ausgerichtet, markante
Positionen im Fonds einzugehen und sind keine Index-Tracker.
Smart Investor: Sind Sie mit Ihrem Novamax-Fonds demgemäß nur auf
Deutschland focussiert?
Veit: Im Fonds lassen wir uns am Technologieindex TecDax-30 messen.
Heruntergebrochen auf die Länderebene sind aktuell jedoch nur gut zwei Drittel
des Fondsvolumens in deutschen Gesellschaften allokiert. Das letzte Drittel ist
im geographisch näherliegenden europäischen Ausland, beispielsweise in
Frankreich, der Schweiz oder den Niederlanden investiert. Auch bei
ausländischen Small und MidCaps verfolgen wir den fundamentalen
Bottom-up-Ansatz und suchen den Kontakt mit der Unternehmensleitung.
Smart Investor: Wie reagieren Sie, wenn dennoch eine Position gegen Sie
läuft?
Veit: Das Risikomanagement ist ein permanenter Prozeß. Wir folgen hier
keinem Kauf- oder Verkaufautomatismus. Statt dessen werden Chancen und Risiken
der Investments ständig abgewogen. Geht man eine Position ein, hat man ein
bestimmtes Bild der zukünftigen Unternehmensentwicklung vor Augen. Tritt dann
diese Entwicklung tatsächlich ein und reflektiert dies der Markt, dann löst
sich die Fehlbewertung, nach der ein aktiver Fondsmanager ständig sucht, auf.
Ändert sich jedoch der fundamentale Datenkranz, vor dessen Hintergrund man die
Investition ursprünglich tätigte, zum negativen, dann ist es meist besser, die
Reißleine zu ziehen getreu dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken als
Schrecken ohne Ende.
Smart Investor: Ihr Fonds läuft indes seit gut 18 Monaten
schwankungsfreudig nur seitwärts. Wie kommt das?
Veit: Hier muß man sich vergegenwärtigen, was der Fonds seiner
Definition nach ist: auf die Investition in hiesige Wachstums- und Technologieaktien
ausgerichtet, mit allen damit einhergehenden Implikationen. Er ist aufgrund
seiner häufig hohen Volatilität zudem kein Witwen- und Waisenpapier, sondern
eine unseres Erachtens attraktive Möglichkeit, dieses Segment abzudecken. Wenn
Sie derzeit die Fondslandschaft betrachten, dann gibt es nur noch ganz wenige
Fonds innerhalb dieses Segments, welche eine über Jahre hinweg konsistente
Anlagestrategie verfolgen und zudem eine deutliche Outperformance zum TecDax
aufweisen.
Smart Investor: Ist diese mittlerweile geringe Zahl an reinen
Technologiefonds eine Indikation, wie stark Technologieaktien derzeit ignoriert
werden?
Veit: Ich denke, hier gilt es, den globalen Maßstab anzulegen. Vor allem
in Japan, praktisch in ganz Asien erleben doch die Technologieaktien schon seit
geraumer Zeit eine ganz beachtliche Renaissance. In den USA etabliert sich
derzeit ebenfalls ein relativer Aufwärtstrend an der Nasdaq. Die Performance
der internationalen Technologiewerte in Relation zur Wahrnehmung des Segments
bei vielen Anlegern ist vergleichsweise gut, was mich konstruktiv optimistisch
stimmt: Der Markt steigt ohne große Euphorie. In Europa und Deutschland jedoch
hinken die Wachstumswerte in ihrer relativen Entwicklung zum Gesamtmarkt
hinterher. Zu Unrecht, wie ich denke. Aber viele Anleger sind einfach immer
noch hochgradig allergisch gegen alles, was mit Technologie zu tun hat.
Smart Investor: Für 2006 läßt sich hieraus also eine
überdurchschnittliche Wertentwicklung des Sektors ableiten?
Veit: Die Chancen stehen meiner Meinung nach gut. Sowohl auf der Mikro-
als auch der Makroebene sehe ich anhaltende Dynamik. Daneben ist steigende
M&A-Aktivität erkennbar, die im Ausland aber wiederum bereits stärker
ausgeprägt ist. Dies sind positive Signale für den Markt.
Smart Investor: Kann man demnach alle Sektoren innerhalb der Technologie
kaufen?
Veit: Dies würde ich so nicht formulieren. Aber nehmen sie
beispielsweise den Bereich der Konsumelektronik, die netzzentrierten
Internetunternehmen oder innovative Maschinenbauer wie beispielsweise bei der
optischen Qualitätskontrolle oder Smartcards. Hier sehe ich schon einige
interessante Kandidaten. Hiesige Biotechnologieunternehmen sind dagegen vor
allem aufgrund der Unternehmensspezifik sowie der fast schon hegemonialen
Stellung der USA in diesem Segment schwierig zu beurteilen.
Smart Investor: Spüren Sie denn derzeit schon etwas Bewegung, etwa bei
den Mittelzuflüssen?
Veit: Ich habe schon den Eindruck, daß wenige inländische
Institutionelle wieder erstes Interesse bekunden. Das gesamte Segment könnte
sich, sollten die Wachstumswerte im ersten Halbjahr 2006 den Gesamtmarkt
outperformen, in der Folge durchaus einer wieder gesteigerten Beachtung
erfreuen. Große Wellen an Mittelzuflüssen sehe ich aber derzeit noch nicht.
Smart Investor: Was passiert, wen die EZB die Zinsen auf 3 % hochzieht?
Veit: Vermutlich nicht viel, denn steigende Zinsen implizieren ja
normalerweise eine robuste Konjunktur. In der Vergangenheit haben
Technologieaktien gerade in der Frühphase eines Zinserhöhungszyklus den
Gesamtmarkt häufig outperformt.
Smart Investor: Blicken wir aber einmal auch zurück. Was war der größte
Fehler, den Sie am Neuen Markt gemacht haben?
Veit: Das Problem waren häufig extrem aggressive Planungen auf
Unternehmensebene, die sich wiederum viel zu sehr auf überhöhte Prognosen von
Marktforschungsinstituten stützten. Diese wurden allgemein zu wenig
hinterfragt. Heute werden dagegen makroökonomische Trends viel kritischer
beurteilt; der Bottom-up-Ansatz erfreut sich demzufolge wachsender Beliebtheit.
Für Stockpicker wie uns war sicherlich das Jahr 2002 schwierig, weil dort
Aktientitel sehr undifferenziert markant an Wert verloren haben. Damals haben
sich viele die Finger verbrannt. Diese Ineffizienz wurde aber vielfach in 2003
aufgelöst, als unberechtigt abgestrafte Titel ein starkes Comeback schafften,
andere jedoch nur bedingt. Im Vergleich zu den Boomzeiten am Neuen Markt hat
sich die Anlegerstruktur stark verändert, inländische institutionelle Anleger
hatten sich weitgehend vom deutschen Markt verabschiedet. Inzwischen ist die
Anlegerschaft wieder etwas breiter. Wermutstropfen im laufenden Jahr ist, daß
wir das Potential der Solarunternehmen unterschätzten.
Smart Investor: Apropos verbrannte Finger. Hat die Deutsche Börse mit
den TecDax-Kreationen ein glückliches Händchen bewiesen?
Veit: Das ist ein leidiges Thema. Letztlich war das Image des Neuen
Marktes wohl nicht mehr reparabel. Inwiefern es klug war, den Leitindex
ausgehend von 50 Werten im Nemax50 noch enger zu machen, indem man den TecDax
30 auf 30 Werte verkleinert hat, ist zumindest fraglich, zumal zudem innerhalb
des Index wenige Titel überproportional hoch gewichtet sind. Dies führt auch
dazu, daß der Index sehr volatil sein kann – in beide Richtungen.
Smart Investor: Herr Veit, vielen Dank für das offene Gespräch.
Interview: Tobias Karow
Vita Heiko Veit:
Heiko Veit studierte nach dem Abitur Betriebswirtschaft an der Berufsakademie
in Stuttgart und begann dann als Anlageberater bei der BW Bank. Anschließend
arbeitete er an gleicher Stelle in der mandatorischen Vermögensverwaltung und
im Portfoliomanagement. Seit 2000 ist er Geschäftsführer der BW Asset Consult
und managt in dieser Funktion unter anderem den Technologiefonds Novamax Neue
Märkte Europa.
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